BGH, Urteil, 12.01.2000 - VIII ZR 19/99 - EversOK



Fundstellen
EversOK; WM 00, 877; ZIP 00, 540; DB 00, 967; VersR 00, 487; NJW 00, 1413; MDR 00, 592; EBE 00, 85; LM Nr. 117 zu § 89 b HGB; HVR Nr. 924; BGHR § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB Neue Kunden 3; BGHR § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB Berechnung 4; Rechtsportal; Juris; BeckRS 00, 02222; BGH; Lexetius; openJur; Judicialis; prinz.law; Wolters Kluwer
Gesetz
§ 89 b HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB; § 89 b Abs. 3 Nr. 3 HGB; § 286 ZPO; § 287 ZPO; § 287 Abs. 2 ZPO; § 138 Abs. 3 ZPO
Stichworte
AA des VH; Analogievoraussetzung 1; Analogievoraussetzung 2; Nachfolgevereinbarung; Kundenliste; Neukundenliste; Stammkundenliste; Darlegungs- und Beweislast; sekundäre Darlegungslast; Behauptungslast; Anforderungen an das Bestreiten der Mehrfachkundeneigenschaft; Mehrfachkunde; Dauerkunde; Mann der ersten Stunde; Schätzung
Anmerkung
Vorinstanzen KG 07.01.1998 - 2 U 8692/95 -; LG Berlin, 17.11.1995 - 100 O 171/93 -;

zu LS 2 vgl. BGH, 28.06.2006 LS 2 m.w.N.; 22.10.2003 LS 2 m.w.N. - Shell 18 -; 12.03.2003 LS 4; OLG Oldenburg, 16.10.2001 LS 1; LG Stuttgart, 31.07.2001 LS 3 m.w.N. - Porsche 3 -;

zu LS 3 vgl. LG Stuttgart, 31.07.2001 LS 4 - Porsche 3 -;

zu LS 4 vgl. OLG Köln, 15.11.2002 LS 2 m.w.N. - Chrysler 9 -; LG Köln, 04.03.2002 LS 4 m.w.N. - Chrysler 9 -; LG Stuttgart, 31.07.2001 LS 6 m.w.N. - Porsche 3 -;

zu LS 5 vgl. OLG München, 16.01.2002 LS 10 - BMW 6 -;

zu LS 6 vgl. Ankele, Handelsvertreterrecht, § 89 b Rz. 193 a.E.;

zu LS 7 vgl. Kiene, Der Ausgleichsanspruch, S. 53; Ankele, Handelsvertreterrecht, § 89 b Rz. 193 a.E.;

zu LS 8 8.1 Zutreffend wird demgegenüber überwiegend davon ausgegangen, dass es für die Annahme einer Nachfolgevereinbarung i.S. des § 89 b Abs. 3 Nr. 3 HGB grundsätzlich unerheblich ist, ob der HVV inhaltlich geändert wird oder nicht (so etwa MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 188; Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 89; Heymann/Sonnenschein/Weitemeyer, HGB, 2.A., § 89 b Rz. 95; Baumbach/Hopt, HGB, 38.A., § 89 b Rz. 68; Oetker/Busche, HGB, 6.A., § 89 b Rz. 41; Staub/Emde, HGB, 5.A., § 89 b Rz. 242; Martinek/Semler/Flohr/Berscheid, HdB des Vertriebsrechts, 4.A., § 50 Rz. 145; Westphal, Vertriebsrecht, Bd. I, Handelsvertreter 1998, Rz. 1168; ders., Neues Handelsvertreterrecht 1991, S. 145; Kiene, Der Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters, S. 10; Küstner/v. Manteuffel, BB 90, 1713, 1714; v. Westphalen, DStR 95, 1554, 1557; einschränkend HK-HGB/Ruß, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 15a; BeckOK-HGB/Lehmann, § 89 b Rz. 118 (neuer HVV muss im im Wesentlichen den Bedingungen des bisherigen Vertragsverhältnisses entsprechen); Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. XI Rz. 200; Flohr/Wauschkuhn, Vertriebsrecht, 2.A., § 89 b Rz. 272 (Änderungen dürfen nicht so gravierend sein, dass Vertragsidentität zu verneinen ist).

8.2 Ob eine Grenze für die Anwendbarkeit der Norm allerdings dort zu ziehen ist, wo die Änderungen des HVV so gravierend sind, dass das Vertragsverhältnis inhaltlich seine Identität verliert, weil unter diesen Umständen von einem Eintritt in den bestehenden Vertrag nicht mehr ausgegangen werden kann (MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 188; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, Kap. XI Rz. 200; wohl noch weitgehender HK-HGB/Ruß, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 15a, wonach wesentliche Vertragsgrundlagen nicht geändert werden dürfen) mag zu bezweifeln sein. Entscheidend dürfte allein sein, dass der Vertretervorgänger dem Nachfolgevertreter die Handelsagentur verschafft, indem er zu diesem Zweck aus dem Unternehmen des Prinzipals ausscheidet. Denn unter diesen Umständen greift der Grundgedanke der Billigkeitsschranke des § 89 b Abs. 3 Nr. 3 HGB (zur Funktion als Billigkeitsschranke vgl. Anm. 15.2 zu OLG Celle, 18.04.2002 - Concordia -), dass der HV seine Vertretung nur dann auf einen Dritten übertragen wird, wenn er vom Dritten eine entsprechende Gegenleistung erhält (OGH, 24.02.2010 LS 29) und damit letztlich eine Begünstigung des HV durch sein Ausscheiden aus dem Vertragsverhältnis zu vermeiden (MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 186).

zu LS 10 vgl. BGH, OLG Oldenburg, 16.10.2001 LS 7; OLG Düsseldorf, 12.03.2004 LS 34; BGH, 06.10.2010 - VIII ZR 209/07 - LS 10;

zu LS 11 vgl. BGH, 10.07.2002 LS 3 m.w.N. - Esso 5 -;

LS 12 und 14 vgl. OLG Frankfurt/Main, 23.05.2006 LS 21;

zu LS 15 vgl. LG Hamburg, 21.03.2003 Anm. 4.2 - Axel Springer Verlag 2 -; LG Berlin, 24.07.2001 LS 23, LS 24;

zu LS 16 vgl. BGH, 13.01.2010; 30.05.2001 LS 10;

zu LS 18 vgl. BGH, 06.08.1997 LS 15, 17 m.w.N. - BP 1 -; OLG München, 16.01.2002 LS 20 - BMW 6 -; LG Frankfurt/Main, 02.05.2001 LS 13 m.w.N. - General Accident 2 -; 30.06.2000 LS 13 - Nassauische Brandversicherungsanstalt -;

zu LS 19 vgl. BGH, 23.11.2011 LS 49 - DVAG 27 -; 17.11.2010 LS 15 - Industriefußböden -; 30.05.2001 LS 14; OLG Frankfurt/Main, 06.07.2010 LS 7 - DVAG 27 -;

19.1 Nach Auffassung von Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 283, soll sich diese Aussage nur auf einen Mindestausgleich beziehen, der nach den gemäß § 286 ZPO festgestellten Tatsachen gerechtfertigt erscheint. Eine darüber hinausgehende Erleichterung der Darlegung des HV für die den AA rechtfertigenden Tatsachen, die in der Vergangenheit liegen, könne darauf nicht gestützt werden. Dies erscheint nicht unzweifelhaft. Wie bereits die Entscheidung des BGH vom 06.07.1972 LS 16 gezeigt hat, sieht der BGH auch über die Prognose hinaus Raum für die Ausübung des richterlichen Schätzungsermessens nach § 287 Abs. 2 ZPO. Es kann daher nicht ohne weiteres als systemwidrig und mit dem Wesen des AA unvereinbar angesehen werden, die Vorschrift des § 287 ZPO außerhalb der Prognose anzuwenden (so aber Ebenroth/Boujong/Joost/Strohn/Löwisch, HGB, 4.A., § 89 b Rz. 283).

19.2 Eine andere Frage ist es jedoch, ob die Darlegungsschwierigkeiten nicht vielfach auf einer Überspannung der Darlegungsanforderungen durch den Tatrichter beruhen. So zeigt sich in der Praxis nicht selten, dass die Tatrichter Sachvortrag für erforderlich halten, den sie nicht selbst auswerten können, sondern zu deren Auswertung sie sachverständige Hilfe benötigen (vgl. dazu LG Osnabrück, 10.08.2001 LS 16; LG Hannover, 28.05.2001 LS 15 - BHW 3 -). Es kann kaum angenommen werden, dass der Gesetzgeber die Anforderungen an die Darlegung eines AA so hoch stellen wollte, dass der Tatrichter nicht mehr in der Lage ist, den Sachvortrag zu durchdringen, sondern dass er dazu der Hilfe durch Sachverständige bedarf (vgl. dazu die Anm. 16.7 zu LG Osnabrück, 10.08.2001 - AachenMünchener 2 -). Aus diesem Grunde muss davon ausgegangen werden, dass die Anforderungen an den Vortrag zur schlüssigen Darlegung der Voraussetzungen des § 89 b Abs. 1 HGB generell in unzulässiger Weise überdehnt werden, wenn der Tatrichter selbst nicht in der Lage ist, die Daten auszuwerten, deren Darlegung er dem HV abverlangt. Das Problem der Anwendung der Vorschrift des § 287 ZPO würde weitestgehend relativiert, wenn dieser Grundsatz beachtet würde.

zu LS 20 vgl. Anm. 16.8 zu LG Osnabrück, 10.08.2001 - AachenMünchener 2 -

zum AA des VH, vgl. Wauschkuhn, ZVertriebsR 2016, 79