BGH, Urteil, 23.10.1996 - VIII ZR 16/96 - EversOK



Fundstellen
EversOK; BGHZ 133, 391; DB 96, 2486; BB 97, 59; m. Anm. Sellhorst, BB 97, 2019; VersR 97, 1143; HV-Journal 5/97, 10; ZIP 96, 2165; LM Nr. 110 zu § 89 b HGB; NJW 97, 316; MDR 97, 248; HVR Nr. 802; AP Nr. 11 zu § 89 b HGB; r+s 97, 351; r+s 98, 175; Rechtsportal; Juris; BeckRS 9998, 167343; prinz.law; ibr-online; Wolters Kluwer
Gesetz
§ 89 b Abs. 2 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB; § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB; § 89 b Abs. 4 Satz 2 HGB; § 87 Abs. 1 HGB; § 271 Abs. 1 BGB; § 271 BGB
Stichworte
AA des HV; Höchstbetrag; Ermittlung der Höchstgrenze; maßgebliche Provisionen; Provisionsüberhänge; Überhangprovision; Bruttoprinzip; Unternehmervorteile; nachvertragliche Geschäftsausführung; Fälligkeit des AA; Anforderungen an die Geltendmachung des AA; nachvertragliche Umstände
Anmerkung
Vorinstanzen OLG Düsseldorf, 08.12.1995; LG Kleve, 15.09.1994;

Praxishinweis:

Die Entscheidung ordnet Überhangprovisionen des HV dem Höchstbetrag zu (LS 1), was in dieser Allgemeinheit zweifelhaft erscheint (Anm. 5.1). Wegen dieser Rspr ist stets eine Günstigerprüfung vorzunehmen. Hat der HVV nur bis zu fünf Jahre gedauert, sind die Überhänge in jedem Fall in die Höchstgrenze einzubeziehen. Dauerte der HVV länger und sind die Umsätze im letzten Jahr höher gewesen als im fünftletzten Vertragsjahr, so lohnt es sich für den HV, die Überhangprovisionen mit einzurechnen und dafür die Überhänge aus dem fünftletzten Jahr herauszurechnen. Sind die Umsätze niedriger, so lohnt es sich aus der Sicht des U, die Überhangprovisionen mit einzubeziehen.


zu LS 1 vgl. LG Heilbronn, 23.02.1998 LS 16; MünchKommHGB/v. Hoyningen-Huene, 4.A., § 89 b Rz. 149; a.A. Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rzz. 1330 a.E., 1315; beachte Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. XII Rzz. 10 ff.;

zu LS 2 vgl. BGH, 04.06.1975 LS 31; Geßler, Der Ausgleichsanspruch der Handels- und Versicherungsvertreter 1953, S. 81;

zu LS 4 - Überhangprovision als bedingt entstandener Anspruch - vgl. BGH, 09.12.1963 LS 2 m.w.N.;

zu bedingt entstandenen Provisionsansprüchen des VV - vgl. Schweikl, Kundschafts-und Bestandsrechte bei Handelsvertretern und Versicherungsvertretern, S. 86 f.;

zum Begriff der Überhangprovision vgl. Küstner/v. Manteuffel, HdB-ADR, Bd. I, 2.A., Rz. 840; Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. I, 5.A., Kap. V Rz. 156; v. Westphalen/Westphal, Handbuch des Handelsvertreterrechts in den EU-Staaten und der Schweiz 1995, Deutschland, Rz. 275; Sellhorst, BB 97, 2019; zur Frage der Berücksichtigung der Überhangprovisionen nach § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB vgl. Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. IX Rz. 28;

zu LS 5 vgl. LG Offenburg, 19.06.1995 LS 6; LG Hechingen, 26.11.1975 LS 6; Anm. 3 zu OLG Köln, 17.08.2001 - Axa Colonia 2 -; Krause-Traudes, Überlegungen zum Provisionsanspruch des selbständigen Versicherungsvertreters 1983, S. 198; vgl. ferner OLG Düsseldorf, 29.03.1977 LS 8, wonach Überhangprovisionen den AA auch nicht unter Billigkeitsgesichtspunkten mindern.

5.1 Die Ansicht des Senats, einer Berücksichtigung der Überhangprovisionen bei der Ausgleichsberechnung stehe entgegen, dass sie nicht zu Provisionsverlusten i.S. des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB führen (so auch Krause-Traudes, Überlegungen zum Provisionsanspruch des selbständigen Versicherungsvertreters, S. 198, 235), kann in dieser Allgemeinheit nicht geteilt werden. Die Auffassung kann zumindest keine Geltung beanspruchen in Fällen, in denen die Parteien des Agenturvertrags wirksam eine so genannte Provisionsverzichtsklausel vereinbart haben, nach der dem Vertreter keine Überhangprovisionen mehr zustehen. Kommt es infolge des vereinbarten Provisionsverzichts zum Erlöschen der Ansprüche auf Überhangprovision, ist der Tatbestand des § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, 1. Var. HGB erfüllt. Aber auch dann, wenn der Anspruch auf Überhangprovision im HVV wirksam ausgeschlossen ist, entstehen dem HV Provisionsverluste. Der HV verliert in beiden Fällen also infolge Vertragsbeendigung Ansprüche auf Provision aus bereits abgeschlossenen Geschäften, die er bei Fortsetzung des Agenturvertrags hätte.

5.2 Erweist sich nach alledem der Ausgangspunkt des Senats als unzutreffend, wonach Überhangprovisionen bei der Ermittlung des AA nicht zu berücksichtigen sind, kann dem Senat auch nicht darin gefolgt werden, dass sie bei der Ermittlung des Höchstbetrags des AA nach § 89 b Abs. 2 HGB zu berücksichtigen sind.

5.3 Eine Berücksichtigung der Überhangprovision im Rahmen der Höchstgrenze ist ferner dann ausgeschlossen, wenn dem HV Überhangprovisionen aus langfristigen Lieferverträgen zustehen.

zu LS 6 vgl. BGH, 26.02.1997 LS 27; Krause-Traudes, Überlegungen zum Provisionsanspruch des selbständigen Versicherungsvertreters 1983, S. 200;

zu LS 8 vgl. die Anm. 3 m.w.N. zu OLG München, 03.05.1995;

zu LS 10 vgl. die Kritik bei Küstner/v. Manteuffel/Evers, HdB-ADR, Bd. II, 6.A., Rzz. 1316, 1331; vgl. ferner Küstner/Thume, HdB-VertR, Bd. II, 9.A., Kap. XII Rzz. 10 ff.;

zu LS 12 vgl. aber OLG Köln, 29.04.1968 LS 6, wonach § 271 BGB auf den AA nicht anwendbar ist; zur Frage der Fälligkeit des AA vgl. OLG Hamm, 05.05.1980 LS 1 m.w.N.; vgl. aber BGH, 06.08.1997 LS 38 - BP 2 -;

zu LS 14 vgl. a.A. BGH, 06.08.1997 LS 1 m.w.N.