BGH, Beschluss, 05.11.2004 - IXa ZB 32/04 - EversOK



Fundstellen
BGHZ 161, 67; EBE/BGH 04, 410; WM 05, 48; ZVI 04, 728; Rpfleger 05, 93; NJW 05, 367; InVo 05, 68; WuM 05, 142; JurBüro 05, 99; WuB VI D § 767 ZPO 1.05; MDR 05, 351; BauR 05, 426; IBRRS 05, 022; BGHR 05, 197 m.Anm. Schuschke; LMK 05, 31 m.Anm. Becker-Eberhard, NJW 05, 865 m.Anm. Kannowski/ Distler, ProzRB 05, 123 m.Anm. Alpes; ZIP 05, 92 LS; FamRZ 05, 199; ZAP EN-Nr. 158/05 LS; Vollstreckung effektiv 05, 59; BrBp 05, 167 LS; ProzRB 05, 123 LS; JA 05, 328 m. Anm. Jäckel; GuT 05, 28 LS; BeckRS 04 30345891; BeckRS 04, 11848; Rechtsportal; Juris; BGH; ibr; nwb; IWW; prinz.law; Lexetius; openJur; Judicialis; Wolters Kluwer
Gesetz
§ 767 Abs. 1 ZPO; § 887 Abs. 1 ZPO
Stichworte
Zwangsvollstreckungsverfahren zur Erwirkung einer vertretbaren Handlung: Erfüllungseinwand im Beschwerdeverfahren
Anmerkung
Vorinstanzen LG Stade, 02.02.2004 - 7 T 355/03 -; AG Cuxhaven, 07.01.2002 - 5 C 529/01 -zu der Entscheidung vgl. auch Schuschke, InVo 05, 396;

zu LS 1 vgl. BGH, 20.01.2011 LS 4 m.w.N.; 26.04.2007 LS 6; 22.09.2005 LS 1 m.w.N.; OLG Hamburg, 13.02.2015 LS 1; OLG Celle, 10.02.2014 LS 2 - AWD 81 -; OLG Brandenburg, 24.02.2020 LS 7; OLG Düsseldorf, 17.11.2008 LS 1; 25.03.2008 LS 2; OLG Köln, 24.06.2016 LS 2; 22.12.2009 LS 1; 11.05.2009 LS 10; 03.05.1995 LS 7 m.w.N.; OLG Bamberg, 27.05.2008 LS 8; OLG München, 11.04.2011 LS 5 - Allianz 15 -; LG Mannheim, 02.05.2005 LS 1 - Axa 5 -; einschränkend OLG Hamburg, 15.07.2000 LS 5 - Axel Springer Verlag 1 -; OLG Hamm, 12.06.2003 LS 1, 5; 14.09.2000 LS 2, 3; OLG Düsseldorf, 11.06.2003 LS 1; OLG Köln, 09.02.2004 LS 7; 12.09.2001 LS 7; OLG Nürnberg, 31.07.1998 LS 23;

zu LS 2 vgl. Thomas/Putzo, ZPO, 25.A., § 887 Rz. 17; Baur/Stürner, Zwangsvollstreckungsrecht 1996, S. 509 f; Bruns/Peters, Zwangsvollstreckungsrecht, 3.A., S. 290 f.; Huber, FS für Franz Merz S. 229, 232 ff.; Paulus, Zivilprozeßrecht, 3.A., Rz. 648

Zur Begründung der Unbeachtlichkeit des Erfüllungseinwandes im Vollstreckungsverfahren wird darauf abgestellt, dass § 767 ZPO der vom Gesetzgeber vorgesehene Weg sei, materielle Einwendungen wie die Erfüllung im Zwangsvollstreckungsverfahren geltend zu machen. Der Wortlaut des § 767 Abs. 1 ZPO ("sind") lasse keine Wahl zu. Das Zwangsvollstreckungsverfahren sei stark formalisiert, der Erfüllungseinwand darin systemwidrig. Die Erfüllung gehöre, wie § 775 Nr. 4 und Nr. 5 ZPO zeige, nur eingeschränkt in die Prüfungskompetenz des Vollstreckungsorgans. Die Entscheidung über den Erfüllungseinwand im Vollstreckungsverfahren erwachse nicht in Rechtskraft. Ließe man den Einwand der Erfüllung im Vollstreckungsverfahren zu, könnte der Schuldner mit immer wieder neuen Behauptungen das Vollstreckungsverfahren ohne eine Vorschußleistung in die Länge ziehen und so die berechtigten Interessen des Gläubigers auf Durchsetzung seines rechtskräftigen Titels unterlaufen. Schließlich bestünde auch die Gefahr widersprechender Entscheidungen, wenn der Schuldner im Vollstreckungsverfahren unterliege und danach die Vollstreckungsgegenklage erhebe. Der Schuldner erleide durch die Verweisung auf die Vollstreckungsgegenklage hingegen keinen Nachteil, angesichts der Einstellungsmöglichkeit nach § 769 ZPO seien die Verfahren letztlich gleichwertig.

zu LS 3 vgl. Musielak/Voit/Lackmann, ZPO, 17.A., § 887 Rz. 19; Wieczorek/Schütze/Storz, ZPO, 3.A., § 887 Rz. 46, 70; Schuschke/Walker, Vollstreckung und Vorläufiger Rechtsschutz, 3.A., § 887 ZPO Rz. 15; Gottwald, Zwangsvollstreckungsrecht, 4.A., § 887 ZPO Rz. 13; Büttner, FamRZ 92, 629 , 632; Guntau, JuS 83, 687, 689;

Die vermittelnde Ansicht wird damit begründet, dass der Rechtsgedanke des § 775 Nr. 4 und 5 ZPO zeige, dass bestimmte Beweismittel im Zwangsvollstreckungsverfahren zu berücksichtigen seien. Sei die Erfüllung unstreitig, fehle dem Gläubiger das Rechtsschutzinteresse. Ergäbe sich aber die Notwendigkeit einer Beweisaufnahme, nähme man dem Gläubiger den Vorteil des vollstreckbaren Titels.

zu LS 4 vgl. Schneider, MDR 75, 279 , 281; Schuschke, EWiR 94, 935;

zu LS 5 vgl. Alternativkommentar-ZPO/Schmidt-von Rhein, § 887 Rz. 5; Baumbach/Lauterbach/Albers/Hartmann, ZPO, 62.A., § 887 Rz. 5; Zöller/Stöber, ZPO, 24.A., § 887 Rz. 7; MünchKommZPO/Schilken, 2.A., § 887 Rz. 8; Stein/Jonas/Brehm, ZPO, 21.A., § 887 Rz. 25; Bischoff, NJW 88, 1957, 1958; Gerhardt, 50 Jahre Bundesgerichtshof, Festgabe der Wissenschaft, Bd. III, S. 463, 470 f; ders., Vollstreckungsrecht, 2.A., S. 185 f; Schilken, FS für H. F. Gaul, S. 667, 672 ff.

Die Auffassung, die den Erfüllungseinwand grundsätzlich berücksichtigt wissen will, wird wie folgt begründet. Schon der Wortlaut des § 887 ZPO spreche dafür, den Erfüllungseinwand im Vollstreckungsverfahren zu berücksichtigen. Die Nichterfüllung sei danach tatbestandliche Voraussetzung dafür, den Gläubiger zur Ersatzvornahme zu ermächtigen. Es sei nicht Sinn und Zweck des § 887 ZPO, dem Gläubiger Rechtsschutz zu gewähren, wenn er ihn wegen Erfüllung durch den Schuldner nicht mehr brauche. Der Schuldner habe ein schutzwürdiges Interesse daran, daß die Erfüllungswirkung seiner Handlungen geprüft werde, bevor der Gläubiger zu möglicherweise unsinnigen und kostspieligen Ersatzvornahmen ermächtigt werde oder durch (erneute) Vornahme der Handlung für den Schuldner den Beweis der Erfüllung vereitele. Es sei auch prozeßökonomisch, den Einwand im Verfahren nach § 887 ZPO zu prüfen, denn zuständig sei in beiden Fällen das Prozessgericht, vor dem anderenfalls ein neues Verfahren mit demselben Prozessstoff notwendig würde. Das Prozeßgericht habe im Verfahren nach § 887 ZPO alle zivilprozessualen Möglichkeiten der Sachverhaltsaufklärung. Die Vollstreckungsgegenklage verursache hingegen neue Kosten, sei gegenüber dem Verfahren nach § 887 ZPO schwerfälliger und bei einer einstweiligen Anordnung nach § 769 ZPO , die der Schuldner - ggf. mit seiner eigenen eidesstattlichen Versicherung - unschwer erreichen könne, sei angesichts des grundsätzlich dreistufigen Instanzenzuges mit weiterer Verzögerung zu rechnen.

zu LS 6 vgl. BGH, 05.11.2004 LS 4 m.w.N.;

zu LS 7 vgl. amtl. Begr., BT-Drs. XIII/341, S. 41